Die Medienberichterstattung, die einzelne Sportler zu Stars macht, kann zu einer Überbewertung der Leistung führen und sich wiederum negativ auf die Leistung und das gesamte Verhalten des Athleten auswirken. Er fühlt sich z.B. hohem Erwartungsdruck ausgesetzt und geht deshalb mit besonderer Nervosität an den Start; seine Aufmerksamkeit kann ihn außerdem dazu verleiten, sich weniger auf den Sport und mehr auf seine Auftritte im Fernsehen und in der Öffentlichkeit zu konzentrieren.
Für die meisten Athleten haben die Olympischen Spiele einen sehr hohen Stellenwert, weil sich hier die Gelegenheit bietet, die Olympische Idee "zu leben", das heißt z.B. Sportler anderer Disziplinen und Nationen kennen zu lernen, indem man gemeinsam im Olympischen Dorf wohnt. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen an sich ist ja schon eine Auszeichnung, da man erst über eine bestimmte sportliche Leistung zur Teilnahme berechtigt ist. Die Zulassungskriterien der Spiele sorgen meist dafür, dass hier nicht nur die absolute Leistung zählt, wie es bei Weltmeisterschaften oder anderen Wettkämpfen der Fall ist, sondern auch die individuelle Leistung. Um auf das Beispiel von Eric Moussambani zurück zu kommen: dieser Schwimmer hätte bei Weltmeisterschaften nie antreten können, da seine absolute Leistung dies nicht zulässt. Bei den Olympischen Spielen jedoch erhielt er die Möglichkeit zu starten, da hier seine individuelle Leistung berücksichtigt wurde.
Einige Sportler, die sogenannten Stars, bekommen jedoch eine Sonderbehandlung bei den Olympischen Spielen; sie müssen z.B. nicht im Olympischen Dorf wohnen oder bleiben nicht die gesamte Zeit über bei den Spielen. Es sind aber vor allem die Medien, die Stars in den Mittelpunkt rücken und darüber alle anderen Sportler in den Hintergrund drängen, so dass deren individuelle Leistung nicht mehr zur Geltung kommt, sondern nur noch die absolute Leistung der Weltbesten. Dies wird zum Beispiel durch den Medaillenspiegel erreicht. Sportler werden meist nur daran gemessen, ob und wie viele Medaillen sie gewonnen haben. Auf diese Weise bleiben die Athleten, die den vierten oder einen schlechteren Platz erreichen, unbekannt, obwohl ihre individuelle Leistung vielleicht genauso hoch zu bewerten ist wie die der Medaillengewinner.
So lohnt es sich darüber nachzudenken, ob nicht z.B. ein anderer Medaillenspiegel sinnvoll wäre, bei dem nicht nur die drei ersten Plätze berücksichtigt werden. So könnte man über ein Punktesystem nicht nur die drei ersten, sondern die ersten acht oder noch mehr Plätze berücksichtigen. Beim Medaillenspiegel der Nationen könnte z.B. auch die Anzahl der Einwohner oder aktiven Sportler in die Bewertung der einzelnen Länder Eingang finden.
Es sind aber nicht nur die Medaillenspiegel, die Sportler zu Stars machen. Das Fernsehen wird im Zusammenhang mit Sportberichterstattung auch als die "wichtigste Technologie der Hyper-Individualisierung" (supreme technology of hyper-individualization) bezeichnet. Dieser Begriff meint vor allem die künstliche Nähe, die zwischen Fernsehzuschauer und Sportstar hergestellt wird. Die allermeisten Zuschauer kennen den Sportler oder die Sportlerin, den oder die sie als Star verehren, gar nicht persönlich. Das Fernsehen berichtet aber nicht nur über die sportlichen Erfolge des Stars, sondern auch immer häufiger über dessen Privatleben. Auf diese Weise bekommen die Sportler ein Image, dass sich nicht nur aus deren sportlichen Leistungen ergibt. Die Aufmerksamkeit, die sie von den Medien bekommen, und der Erfolg ihrer Auftritte im Fernsehen und anderen Medien verleiten viele Sportstars zudem dazu, sich auch außerhalb des Sports der Öffentlichkeit zu präsentieren und ihren Erfolg auch jenseits von Wettkämpfen zu suchen, z.B. als Sänger, Autor, Moderator von Talkshows oder Model.
Es soll hier nicht diskutiert werden, ob diese Entwicklung gut oder schlecht ist. Im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen jedoch kann man sich fragen, ob diese Sportstars einen positiven Beitrag zur Olympischen Bewegung leisten können oder von den olympischen Idealen zu weit entfernt sind, um diese durch ihre Teilnahme an den Spielen zu repräsentieren. Diese Frage lässt sich sicher nicht eindeutig beantworten, da es viele verschiedene Ursachen für das Phänomen der Sportstars gibt. Eine wichtige Rolle spielen hierbei sicherlich die Medien, ohne deren Berichterstattung jedoch die Olympischen Spiele nicht so populär und erfolgreich wären; zudem garantiert das Fernsehen durch die Bezahlung der Übertragungsrechte einen Teil der Finanzierung der Spiele. Die Kommerzialisierung der Olympischen Bewegung ist also auf der einen Seite notwendig, um sie überhaupt bezahlen zu können, auf der anderen Seite birgt die Kommerzialisierung auch die Gefahr, dass die eigentlichen olympischen Ideale in den Hintergrund gedrängt werden.
Quellen:
Andrews, David L.; Steven J. Jackson: "Sport celebrities, public culture, and private experience.” In: Andrews, David L.; Steven J. Jackson (Hg.): Sport Stars. The cultural politics of sporting celebrity. London; New York: Routledge 2001, S. 1-19.
Haag, Herbert: "Olympische Idee - Olympische Bewegung - Olympische Spiele." In: Kaulitz, Birte; Herbert Haag (Hg.): Olympische Idee - Olympische Bewegung - Olympische Spiele. Dimensionen und Perspektiven. Kiel: Institut für Sport und Sportwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Kieler Schriften zur Sportwissenschaft) 2001, S.5-23.
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